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Die Sprachensituation

Indonesien ist ein multilinguales Land, in dem es neben der Nationalsprache (Bahasa Indonesia) rund 250 Regionalsprachen gibt (Nothofer 1979:133). Die überaus größte Anzahl dieser Regionalsprachen gehört zur Familie der austronesischen Sprachen. Die Nationalsprache Indonesiens (Bahasa Indonesia) geht genealogisch auf Malaiisch zurück.

Malaiisch wird seit Jahrhunderten über die Gebiete dialektaler, d. h. muttersprachlicher Formen hinaus als Kommunikationsmittel in unterschiedlichen Funktionen verwendet. Die funktionelle Diversifizierung reicht von der schreibstandardlichen Verwendung auf Grabinschriften (ab 7. Jh.) über die Verwendung als linguae france Südostasiens bis zu pidginisierten Varianten (z. B. Baba Malaiisch; vgl. Shellabear 1913) und kreolisierten Formen (Ambon-Malaiisch; vgl. Grimes 1991). Die höchste Stufe der funktionellen Verwendung ist die Inauguration malaiischer Varianten als Nationalsprachen der nach dem zweiten Weltkrieg sukzessive in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten Indonesien, Malaysia, Singapur und Brunei. Die in Indonesien verwendete Form des Malaiischen wird als Bahasa Indonesia bezeichnet.

Die Bahasa Indonesia wurde 1945 in Artikel 4 des Grundgesetzes der vorläufigen Verfassung zur offiziellen Sprache des Gebietes der Republik Indonesiens bestimmt (Hilgers-Hesse 1956:17). Gemäß Nothofer (1979:133) basiert die als Nationalsprache in die Verfassung aufgenommene Bahasa Indonesia auf dem Malaiischen, das bereits seit Jahrhunderten überall im indonesischen Archipel als lingua franca verbreitet war. Unter Einbeziehung der Sprachformen, die im Raum Johor/Riau gängig wären, schuf van Ophuijsen, ein von der niederländich-indischen Regierung beauftragter Sprachwissenschaftler, eine kodifizierte Form, die als Grundlage für eine spätere Standardsprache dienen sollte.

Eine alleinige lingua franca-Basis der modernen Bahasa Indonesia sieht Sutan Taktir Alisjahbana (1962:a; 1962:b) und widerspricht damit neueren Erkenntnissen (vgl. oben Nothofer) In seinen Ausführungen zur Entstehung der neuen indonesischen Nationalsprache schränkt er die Definition der lingua franca überdies stark ein. Alisjahbana (1966:2) nennt als Basis des Malaiischen pidgin-Varianten, also Formen, die strukturell stark vereinfacht sind und per Definition von Sprechern nur als Zweitsprache verwendet werden. Dieser Auffassung widerspricht Harimurti Kridalaksana (1982) bereits deutlich. Zwar sieht auch er im Variantenspektrum pidginisierte und kreolisierte Formen des Malaiischen, die zur Entwicklungsgeschichte der Bahasa Indonesia, wenn nicht strukturell, dann doch als Katalysator beitrugen, weil die „Indonesier“ in den meisten Regionen des heutigen Staatsgebietes die ein oder andere Variante bereits verwendeten. In den beiden ersten seiner sieben Thesen bringt er jedoch ganz explizit seine Meinung zum Ausdruck, dass Malaiisch eine, wie er es nennt, „full-fleged language“ war, als sich die Mitglieder des zweiten Jugendkongresses dazu verpflichteten, Malaiisch zur indonesischen Nationalsprache zu machen (1982:31f).

Steinhauer (1980:249f) beschreibt vier wichtige Gründe, weswegen Malaiisch zur postkolonialen Nationalsprache Indonesiens gewählt wurde.
Sein erstes Argument ist die Anzahl der Sprecher. Der Anteil der Muttersprachler des Malaiischen im Gebiet des heutigen indonesischen Staates ist gering. Durch die Wahl von Malaiisch zur Nationalsprache wurde damit keine andere, größere Ethnie sprachlich bevorzugt. Zweitens ist gemäß Steinhauer Malaiisch sprachlich „bedeutenderen“ indonesischen Sprachen, wie z. B. dem Javanischen, vorzuziehen, weil es phonetisch, morphologisch und auch lexikalisch einfacher ist. Außerdem verfügt Malaiisch nicht über lexikalische und grammatische Morpheme, deren Verwendung durch die hierarchische Stellung der Sprecher bestimmt wird, wie dies im Javanischen der Fall ist.
Als wichtigste Ursache für die Wahl von Malaiisch sieht Steinhauer (1980:350) – jedoch übereinstimmend mit Nothofer, Harimurti Kridalaksana, Sutan Takdir Alisjahbana u. a. – die lange Geschichte dieser Sprache im heutigen Gebiet Indonesiens. Eine Standardisierung der Nationalsprache allein durch die verfassungsmäßige Institutionalisierung der Bahasa Indonesia wird, u. a. wegen des erheblichen Einflusses der Regionalsprachen, jedoch abgelehnt (Wickl 1999). Parallel zur Etablierung der Nationalsprache existierten und existieren die Regionalsprachen weiter.

Die entsprechend der Sprecherzahlen wichtigsten Regionalsprachen Indonesiens sind Javanisch (80 Mill.), Sundanesisch (27 Mill.), Maduresisch (9 Mill.), Minangkabau (7 Mill.), Batak (4 Mill.) und Balinesisch (4 Mill.). Daneben gibt es zahlreiche weitere Sprachen mit mehr als einer Million Sprecher, wie z. B. Bahasa Bugis, Bahasa Sasak und Bahasa Makassar. Neben den „großen“ Regionalsprachen Indonesiens gibt es viele, die nur von zahlenmäßig kleinen Gruppen von Sprechern verwendet werden, wie z. B. Bahasa Enggano, Bahasa Mandailing und Bahasa Kubu.

Einige der zahlenmäßig wichtigeren Regionalsprachen haben ein eigenes Schriftsystem (Javanisch, Balinesisch, Batak) und z. T. eine jahrhundertealte Literaturtradition (insbesondere Javanisch).
Heute stehen die Regionalsprachen in direkter Konkurrenz zur indonesischen Nationalsprache. In der Regel werden die Regionalsprachen im familiären Umfeld, im Freundeskreis und in informellen Gesprächssituationen verwendet. Die indonesische Nationalsprache wird in erster Linie für offizielle Gesprächssituationen verwendet (Schule, Universität, Ansprachen) oder als interethnisches Kommunikationsmittel eingesetzt. Dadurch ergibt sich eine Art diglossische Verwendung von Regionalsprachen und Bahasa Indonesia. Man wechselt je nach Gesprächssituation von Regionalsprachen zu Bahasa Indonesia und umgekehrt. Bedingt durch den Zweitsprachencharakter der Bahasa Indonesia für de facto alle Indonesier, ergeben sich sprachliche Beeinflussungen zwischen Nationalsprache und den Regionalsprachen. Je nach Grad der Beherrschung werden Elemente aus der Regionalsprache in die Bahasa Indonesia übertragen. Dadurch entstehen individuelle Differenzen im Gebrauch. Besonders stark ist der Einfluss des Javanischen auf die Bahasa Indonesia. Der Hauptgrund dafür ist in erster Linie die zahlenmäßige Dominanz der Sprecher des Javanischen. Als weitere wichtige Gründe sind das hohe Prestige des Javanischen, die geografische Nähe des javanischen Sprachgebietes zum indonesischen Machtzentrum, Jakarta, und die dominante Rolle des javanischen Bevölkerung in der indonesischen Gesellschaft aufzuführen.

Umgekehrt kommt es auch zu Beeinflussungen der Regionalsprachen. Konzepte und Begriffe, die in den Regionalsprachen nicht existieren, werden aus der Bahasa Indonesia entlehnt. Empirische Untersuchungen über die Art und den Grad der wechselseitigen Beeinflussungen und über die regional unterschiedliche Verwendung der Bahasa Indonesia liegen bisher nicht vor. Es ist jedoch eine Tendenz feststellbar, dass in Regionen mit in Bezug auf die Sprecherzahl kleineren Regionalsprachen die Bahasa Indonesia zunehmend auch für nicht-offizielle Domänen verwendet wird.

Kaili-Pamona, die dominante Sprachengruppe in der Region dieses Forschungsprojektes, ist, wie die überaus größte Zahl aller in Indonesien beheimateten Sprachen, der austronesischen Sprachfamilie zugehörig (vgl. oben 2.1.). „Ethnologue“ (www.ethnologue.com) zeigt für Kaili-Pamona den folgenden Stammbaum (in Klammern steht die Anzahl der zu den einzelnen hierarchischen Stufen gehörigen Sprachen):

Austronesian (1262)

Malayo-Polynesian (1239)

Western Malayo-Polynesian (531)

Sulawesi (113)

Central-Sulawesi (46)

West Central (41)

Kaili-Pamona (15)

Die gemäß Ethnologue aus insgesamt 15 Sprachen bestehende Sprachengruppe Kaili-Pamona untergliedert sich in Kaili (bestehend aus 9 Sprachen) und Pamona (bestehend aus 6 Sprachen). Zur Kaili-Gruppe gehören die Sprachen Baras, Lindu, Kaili Da’a, Kaili Ledo, Moma, Uma. Sarudu, Topoiyo und Sedoa. Die Pamona-Gruppe besteht aus Pamona, Besoa, Bada, Rampi, Napu und Tombelala. Die meisten dieser Sprachen, insbesondere die, die über eine relativ große Sprecherzahl verfügen und über ein relativ großes Gebiet verbreitet sind, werden hierarchisch weiter in Dialekte untergliedert (vgl. www.ethnologue.com), auch wenn dieser Begriff im allgemeinen linguistisch – wenn überhaupt – schwer definierbar ist. Für Kaili-Ledo (ca. 250.000 Sprecher) sind z. B. folgende Dialekte aufgelistet: Ledo (Palu), Doi, Ado, Edo, Tado, Tara (Parigi), Rai, Raio, Ija und Taa. Andere Sprachen der Kaili-Pamona-Gruppe bestehen aus einer gleichermaßen hohen sprachlichen Variation. Zusätzlich werden die im Stammbaum aufgelisteten Sprachen der Kaili-Pamona-Gruppe vielerorts mit unterschiedlichen Namen bezeichnet. So ist Napu auch als Pekurehua, Sedoa als Tawaelia und Uma als Pipikoro bekannt. Die beschriebene Variation und die unterschiedlichen Benennungen, die oft auf lokale Variation zurückgehen, zeigen, dass eine Bestandsaufnahme der sprachlichen Situation unterhalb der Kaili-Pamona-Ebene bisher völlig fehlt. Die geringe Anzahl der in „Ethnologue“ aufgelisteten linguistischen Arbeiten zu Kaili-Pamona bestätigt dies. Es steht jedoch fest, dass in der Region unseres Forschungsprojektes eine extrem hohe sprachliche Variation vorliegt. Diese große sprachliche Variation, die durch die Zergliederung der Region und den (bisher) fast völlig fehlenden interdörflichen Kontakt verursacht ist, führt dazu, dass selbst innerhalb der einzelnen Subsprachen, die im Stammbaum als eine Sprache klassifiziert sind, Sprecher unterschiedlicher Varianten sich gegenseitig nicht verstehen können. Dies gilt anscheinend u. a. für Kaili Ledo, Uma und Moma. Untersuchungen hierzu fehlen bisher ebenfalls.

Zunehmende Mobilität und der wachsende Einfluss der Bahasa Indonesia verändern die sprachliche Situation rasant. In urbanen Zentren, wie z. B. der Provinzhauptstadt Palu, wird zunehmend die Nationalsprache Bahasa Indonesia auch in Domänen verwendet, die eigentlich von den Regionalsprachen ausgefüllt werden, wie z. B. das familiäre Gespräch. Aber auch außerhalb der urbanen Zentren wächst die Verwendung des Indonesischen, wobei neben der wachsenden Mobilität hier auch der zunehmende Kontakt zwischen einzelnen Dörfern als auslösender Faktor zu nennen ist. Auf der anderen Seite entstehen durch die zunehmende Mobilität und den wachsenden Kontakt über Entlehnungen aus der Bahasa Indonesia oder anderen Regionalsprachen neue, lokal begrenzte Variationen, die allmählich neue „Dialekte“ bzw Varianten hervorbringen (können).
Darüber hinaus wurde die sprachliche Situation in dieser Region durch Migration stark verändert. Zugewanderte Migranten aus Java, Bali, Südsulawesi und vielen anderen Gebieten Indonesiens haben ihre Sprachen mit nach Zentral-Sulawesi gebracht und verwenden sie weiter. In Tonggoa, einem Dorf am nordöstlichsten Rand des Nationalparks werden aus diesem Grund 13 unterschiedliche Sprachen gesprochen.

Die vorausgegangene Beschreibung belegt eine starke sprachliche Heterogenität auf Dorfebene. Die einzelnen Dörfer lassen sich unterschiedlichen Gruppen zuordnen, die nachstehend in zunehmend heterogener Richtung beschrieben werden. Es gibt Dörfer (wie z. B. Sedoa), wo eine einzige Sprache in stark einheitlicher Form gesprochen wird. Einflüsse durch umliegende Regionalsprachen sind (offensichtlich) so gut wie nicht existent. Der Einfluss der Nationalsprache Bahasa Indonesia ist ebenfalls auf ein Minimum reduziert ( in unserem Gespräch mit dem Bürgermeister, das in Indonesisch geführt wurde, mussten ihm Inhalte des Gesprächs oft mehrmals umständlich erläutert werden).

In anderen Dörfern werden Lokalsprachen gesprochen, die den Lokalsprachen der umliegenden Dörfern sehr ähnlich bis gleich sind (wie z. B. in Toro). Der Einfluss des Indonesischen ist stark abhängig von der existierenden Infrastruktur und der Anbildung des Dorfes an die nächst größere Verwaltungsstadt (in diesem Beispiel Kulawi). Sprachlich offene Dorfkulturen verursachen stärkere Veränderungen, die z. T. auf den Einfluss der Bahasa Indonesia zurück zu führen sind, nicht unwesentlich aber auch auf ein Aufgreifen indigener sprachlicher Elemente, die zu einer Renaissance alter Formen führt (z. T. durch den Einfluss der umliegenden Dorfgemeinschaften).

Weiterhin gibt es Dörfer, wie z. B. im Besoa-Tal, in denen die nach außen offene Dorfgemeinschaft stärker durch Bahasa Indonesia beeinflusst wird, weil alle Nachbardörfer in unmittelbarer Nähe liegen, aber dennoch unterschiedliche Lokalsprachen gesprochen werden.

Die heterogenste Form der Sprachenvielfalt herrscht in Dörfern wie dem bereits erwähnten Tonggoa vor, in denen durch lokale, insulare und interinsulare Migration mehrere nicht direkt miteinander verwandte Sprachen gesprochen werden.
Um eine exaktere Beschreibung der sprachlichen Situation vornehmen zu können, ist eine extensive Datenerhebung unerlässlich.

 
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